(Rally) Back to Nature

2015-06-28 12.38.58 KopieEs geht hier nicht um Geld, Prestige oder Show: Wer nach North Island reist, hat im Alltag genug davon und will einfach nur seine Ruhe. Ein Besuch im Paradies.

Es gibt wenige Orte, an denen man so gerne ist, dass man jede Sekunde losweinen könnte, weil man sie wieder verlassen muss. North Island ist so eine Insel, ohne Straßen, Autos, Nachbarn, Grau und Laut. Sie gehört zu den Seychellen im Indischen Ozean, liegt zwei Bootsstunden von deren Hauptinsel Mahé entfernt und atmet noch den Geist der Piraten, die einst hier ihre Schätze versteckt haben. Britische und französische Damen fächelten sich in der schwülen Hitze Luft zu, denn ihre Männer – allesamt Heimatlose, vertriebene Verbrecher oder Idealisten – kamen vor hunderten von Jahren aus Europa, um mit Zimt zu Handeln oder in der Fremde Kokosnüsse anzubauen wie die Anhänger des Kokos-Ordens aus Christian Krachts Roman „Imperium“. Der spielt zwar in Deutsch-Neuguinea, aber darum geht es nicht. Es geht um das Glück, verdammt nochmal seine Ruhe zu haben, und das gibt es heute nicht mehr in Neuguinea, sondern fast nur noch auf North Island. Anlegen darf man darum nur, wenn man eine Erlaubnis dazu hat. Das Paradies will beschützt werden, sonst bekommt es die Ballermann-Krankheit. Jeder, der einmal „The Beach“ gesehen hat, weiß, wie schnell das öffentlich zugängliche Inselglück zum Backpacker-Albtraum wird. Fies. Aber leider muss man sagen, dass es genau darum so unbeschreiblich schön an diesem Ort ist.

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Vereinzelte weiße Wolken hängen im grellblauen Himmel über den Palmen, als seien sie mit Schnüren dort drapiert worden. Flughunde kreisen mit einer enormen Flügelspannweite über dem Urwald wie die Flugsaurier in „In einem Land vor unsrer Zeit“, 60 Millionen Jahre alte schwarze Granitfelsen zeichnen sich scharf gegen die weißen Sandstrände der Buchten ab. Irgendwann kommt einem die zwei Kilometer lange Insel so fototapetenhaft vor, wie das brandenburgische „Tropical Island“: Alles ist von fast kitschiger Schönheit, wie dem feuchten Inseltraum eines Spaßbad-Architekten entsprungen. Sind die Felsen hier echt, oder aus Pappmaché? Weil es in diesem Paradies keine Anlegestellen gibt, muss man mit hochgekrempelter Hose durch das hellblaue, Badewannen-warme Wasser an Land waten, wie die ersten Europäer, die North Island entdeckt haben. Das war 1609, als Kapitän Alexander Sharpeigh mit einem Schiff der Britischen Ostindien-Kompanie anlandete, um sich mit Wasser und frischen Früchten zu versorgen. Zurück in England berichtete er von Schildkröten-Kolonien und der Schönheit North Islands. Trotzdem blieben die Seychellen zunächst so etwas wie ein Hochsee-Rastplatz auf dem Weg nach Indien, bis sie über 150 Jahre später von 700 verarmten Franzosen aus Réunion und Mauritius besiedelt wurden, die dort mit der Hilfe von 7.000 Sklaven Zimt und Nelken anbauten (die wenigen Straßen auf der Hauptinsel tragen darum Namen wie „La Canelle“ – die Zimtstraße). In dieser Zeit dienten die Inseln Piraten wie dem berüchtigten „La Buse“ als Unterschlupf. Seine letzten Worte waren: „Sucht ihn doch, irgendwo habe ich den größten Schatz der Welt versteckt.“ Bis heute graben und tauchen Abenteurer nach dem Gold; bislang wurden aber nur vereinzelt Silbermünzen gefunden. Die Piraten machten den Siedlern zu schaffen und dann gab es auch noch politische Unruhen. Zeitgleich zum Siebenjährigen Krieg in Europa bekämpften sich im Indischen Ozean Franzosen und Briten; die Seychellen wurden eine britische Kolonie. Die Sklaverei wurde daraufhin offiziell abgeschafft und die Bevölkerung durchmischte sich. So sieht man heute einige Seychellios mit dunkler Haut, blauen Augen und Sommersprossen. Ihre Sprache, das Kreol, klingt und liest sich wie englisch-französische Lautsprache: „Mersi bokou“ heißt Danke und „Cheers“ sagt man, wenn man hier anstößt. Der reisende Pfarrer Gottlieb Wimmer schrieb dazu 1834: „Die Bewohner dieser Inseln sind teils Franzosen, teils schwarze Negersklaven, jetzt auch Engländer. Diese Inseln, indem sie dem Kolonialisten, der sich entschlossen hat, der Welt zu entsagen, einen wahren Aufenthalt des Friedens und ein bescheidenes Glück zu gewähren, dienen den Seefahrern als erquickende Erfrischungsörter.“ Seit dieser Zeit ist North Island durch viele Hände gewandert; von einem Autoverleiher und seiner Familie aus Réunion, die Gemüse anbaute, bis zur Übernahme durch die Regierung in den 1970er Jahren, als der charismatische, trinkende und frauenverschlingende Präsident Albert René an die Macht kam und das Land unabhängig wurde. Während dieser Zeit verwahrloste die Insel komplett und wurde beinahe vergessen.

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Die Schildkröten, die heute wieder auf North Island leben, haben vieles davon mitbekommen. Sie sind zum Teil 160 Jahre alt, schleppen sich träge über die Insel oder liegen wie die schwarzen Granitblöcke schwer im Schatten. Ab und zu nehmen sie ein Stück Obst entgegen, strecken die Köpfe aus dem Panzer und keuchen so schwer, als würden sie ihre ganzen Lebensjahre auf einmal ausatmen. North Island wird von der Umweltorganisation „Wilderness“ in den Urzustand versetzt, in dem die Seychellen vor ihrer Entdeckung existierten; eine teure, aufregende Zeitkapsel. Der Inselstaat ist das einzige Land der Welt, das Naturschutz in seiner Verfassung verankert hat und die hohen Steuern werden Großteils zum Erhalt der Natur verwendet. So sind die teuren Hotels zu erklären und damit, dass es nirgendwo besonders viele, laute und betrunkene Touristen gibt. Als eines der wenigen Länder in der afrikanischen Region sind die Seychellen wohlhabend und die Einheimischen zwar nicht reich, aber auch nicht arm, was erklärt, weshalb es keine Strandverkäufer und Bettler gibt. Ein Paradies eben, das sagen sie selbst immer wieder und scheinen es bis auf die hohen Steuern auch so zu meinen. Es gibt keine Kriminalität, keine giftigen Tiere und man kann sich sein Essen von den Bäumen pflücken oder aus dem Meer holen. Die einzige Plage, Ratten, kamen erst sehr spät mit den Einwanderer-Schiffen auf die Inseln. Darum wurden sie auf North Island ausgerottet, mit Helikoptereinsätzen, Treib-Jagden und Bootskontrollen. Nichts gelangt auf die Insel, das nicht auf Ratten kontrolliert wurde; alle Schiffe werden zwei Kilometer vor Land abgefangen und die Passagiere auf saubere Boote umgeladen. Katzen, Kühe und Schweine mussten North Island verlassen; stattdessen wurden alle Tiere und Pflanzen wieder angesiedelt, die über die Jahre fast ausgestorben sind: Wasserschildkröten, bunte Vögel und schillernde Echsen. Die Artenvielfalt der Seychellen ist enorm. Die Kokosnuss „Coco de Mer“, die Wappenfrucht des Staates, wächst zum Beispiel nur in dieser Region und sieht aus wie ein schwarzer weiblicher Schoß plus Hintern. Es ist kein Zufall, dass vor allem junge Paare auf Hochzeitsreise auf die Inseln fahren. Überall liegt Liebe in der Luft.

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Man darf alles und alles wird möglich gemacht. Für ihre Gäste verbringen die Angestellten im Vorfeld viel Zeit damit, herauszufinden, womit man ihnen eine Freude machen kann. Wer sind sie? Wie ticken sie? Von der An- bis zur Abreise wird dann alles still und leise aus dem Off gemanagt. Man kann so den ganzen Tag sorglos über die Insel rasen, mal hier und mal dort baden, gegrillten Fisch essen und dann am Abend mit voll aufgedrehten Boxen auf der Terrasse am Meer die Goldberg-Variationen hören, im eigenen Kino Casablanca schauen und Popcorn essen oder mitten in der Nacht zu den Korallen tauchen. Man liegt im Pool und lässt sich im Strudel treiben. In langsamen Kreisen drehen sich dann über einem Dschungel und Himmel zu einer schwindeligen Orientierungslosigkeit zusammen. Benommene Zufriedenheit stellt sich ein, während grüne Geckos an der aufgeschnittenen Ananas knabbern und die Flughunde kopfüber im Mangobaum hängen. Die Wellen bilden mit dem Gurren der blauen Tauben ein monotones, einschläferndes Ganzes. Das sind die Momente im Leben, von denen es vielleicht fünf oder sechs gibt: Es ist weder zu kalt, noch zu warm, man hat weder Hunger noch Durst, Unwohlsein, Ärger oder sonst ein unangenehmes Gefühl, sondern meint, in die Umgebung überzugehen. Das ist wohl das, was wirklichen Luxus ausmacht: einmal verdammte Ruhe haben, nichts tun müssen und einfach der sein, der man ist. Auf den Bling Bling und Markenfetisch, der eine Insel weiter im Hilton Hotel zelebriert wird, kann man hier verzichten. Wirklicher Reichtum ist viel Bescheidener. Hat man das einmal begriffen, kann man ihn auch außerhalb North Islands finden. Aber das haben wir Nicht-Millionäre vielleicht auch schon vorher gewusst.

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Info: North Island erreicht man am besten über „Trauminsel Reisen“. Deren Inhaber Wolfgang Därr hat mit seinem „Reisehandbuch Seychellen“ einen der besten Reiseführer geschrieben, den man kaufen kann. Er gilt seit den 80er Jahren als Stadardwerk. Därr ist Honorarkonsul der Seychellen, kennt sich dementsprechend aus und organisiert tolle Reisen. Eine Nacht im „North Island Resort“ kostet pro Person ca. 3.000 Euro. Web: http://www.trauminselreisen.de / http://www.north-island.com

Fotos: Maja Hoock / Sebastian Schrader

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