Only car thieves left alive (Detroit-Reportage)

Wie die totgeglaubte, schwerkriminelle Stadt Detroit als Abenteuerspielplatz wiederaufersteht

„Detroit ist nicht tot, Detroit wird leben“, sagt Tilda Swinton im Vampir-Film „Only Lovers Left Alive“. „Spätestens, wenn die Städte im Süden brennen.“ Miami brennt zwar nicht, aber seine Künstler suchen sich trotzdem günstigere Alternativen. Auch New York ist so teuer, eng und seit dem 11. September polizeikontrolliert, dass es fast anti-kreativ geworden ist. Künstler brauchen Platz für Ateliers, haben oft wenig Geld und wollen sich austoben. Darum erobern sie sich jetzt Detroit.

Die Stimmung dort ist von einem Vampir-Film tatsächlich nicht weit entfernt. Als die Autoindustrie wegging, haben auch die Bürger ihre Wohnungen teils komplett eingerichtet zurückgelassen. In den 1950er Jahren lebten dort fast zwei Millionen Menschen, heute sind es nur noch 700.000. Fast alle Straßen sind leer, Steine brechen von den Bordsteinen und aus den Kanalisationen dampft es. Obwohl die Organisatoren der Detroit Auto Show die Warnung ausgesprochen haben, als Besucher besser nicht alleine durch die Stadt zu fahren, führt uns Miles Michael abseits der toten Innenstadt. Er arbeitet eigentlich im neun Stunden entfernten New York als Künstler und Bühnenbildner, doch gerade hat er sich ein Haus in Detroit gekauft.

Nicht zuletzt die New Yorker Vernissagen, die eher Marketing-Events ähneln, haben ihn wie viele seiner Kollegen aus der Stadt getrieben. Er will als Künstler leben, nicht als Abziehbild seines Berufes, das von Sekt auf Ausstellungseröffnungen existiert. In Detroit kann er durchdrehen: Gerade hat er ein Auto in die Luft gesprengt, denn es gehörte niemandem und die Polizei hat andere Sorgen. Die Stadt in Michigan ist eine der kriminellsten der USA. Die berüchtigte „Eight Mile Road“ trennt die innere Stadt, in der zu 80 Prozent Schwarze leben, von den Vororten der Weißen. Statistisch passiert dort jeden Tag ein Mord und es gibt einen eigenen Gewaltfeiertag, die „Detroit Devil’s Night“, in der Brände gelegt werden. Das ist gefährlich, führt aber auch dazu, dass man sich frei und lebendig fühlt, so als wäre alles erlaubt.

Es ist nirgends so einfach, selbst etwas auf die Beine zu stellen, wie hier

Miles’ neues Haus liegt direkt am belebten Eastern Market, hat nur 15.000 Dollar gekostet und noch weiß er gar nicht wohin mit dem ganzen Platz. Im Keller hat er sein 60 Quadratmeter großes Atelier, oben ein riesiges Büro. „New York klingt für mich vor allem nach Geld und Polizei“, sagt er. „Hier kann ich machen, was ich will.“ Neben ihm hat sein Nachbar aus New York ein Haus gekauft und die original Zwanzigerjahre-Bar im Erdgeschoss renoviert. Daneben haben Freunde ein eigenes Café mit Konzertraum; eine befreundete Fotografin aus Los Angeles errichtet sich gerade ein eigenes Museum mit Buch-Verlag in einer ehemaligen Bank samt verschlossenem Safe für 500 Dollar. Wieder eine andere lebt in einer Art Schloss und Bekannte haben sich das „Treasure Nest“ eingerichtet, eine verdrogte Villa Kunterbunt für Erwachsene. Nirgends ist es so einfach, selbst etwas auf die Beine zu stellen, wie hier.

Mit 2.000 Dollar im Monat kann man sich schon ein Loft leisten, im Prinzip kann man aber auch in eines der 78.000 leerstehenden Häuser ziehen. Die Aufbruchstimmung erinnert an Berlin in den Achtzigern: Alles ist möglich, die Ästhetik ist roh und selbstgemacht. Detroits Künstler sind anti-akademisch, sozial engagiert und machen Outsider-Art wie im „Italian American Pizza Museum“, im „Heidelberg Projekt“, einem riesigen Outdoor-Kunst-Ort, oder im „African Beat Museum“, das einfach seine Umgebung übernommen hat und im ganzen Viertel Kunst verbreitet – natürlich ohne Erlaubnis der Stadt. Brachliegende Flächen werden zu riesigen Gärten, in denen Gemüse und Obst angebaut werden und im Sommer baut man etwas aus dem Schrott, der überall herumliegt oder badet im Erie-See. Miles hat seinen Strand „Miles Beach“ getauft. Die Stadt ist ein Abenteuerspielplatz aus leeren Wolkenkratzern, Museen, Banken und Theatern.

Detroit muss in den 50er Jahren aufregend gewesen sein, als die Art-Deco-Hochhäuser noch belebt waren, man ohne Grenz-Kontrollen über den Fluss nach Kanada fahren konnte, um Alkohol zu kaufen, und an jeder Straßenecke Bands spielten, die hofften, vom Motown-Label entdeckt zu werden. Doch heute ist es ein Modell, wie sich eine amerikanische Stadt nach dem Kapitalismus entwickeln kann: kreativ und alternativ. Eine Oase. Dass es nicht ganz einfach ist, hier zu leben, bewahrt sie davor, zu einem zweiten Brooklyn zu werden.

(Maja Hoock, Bild )

Erschienen im Fräulein-Magazin

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