Glosse – Sauber und rein, so muss es sein

Im mittelfränkischen Nürnberg gibt es in der Nähe des Reichsparteitag-Geländes ein Quartier, in dem Ordnung noch was Wert ist. Ein Wort an potentielle Mietinteressenten

DSC00884Sehr geehrte Wohnungssuchende,

 es ist schön ruhig hier. Wem das nicht passt, rate ich höflich, nach Hamburg auf die Reeperbahn zu ziehen, nach Berlin-Friedrichshain oder in sonst ein Glasscherben-Viertel, es gibt ja genug. Geißhammer ist ein ordentlicher Stadtteil ohne drogenabhängiges Gesindel, das in den Straßen Bier trinkt, obwohl das in Bayern außerhalb der Biergärten, Bierkeller, Bierfeste, Straßenfeste, Volksfeste, Nachbarschaftsfeste, Brotzeiten und des Oktoberfestes verboten ist.

 Hier verunreinigen keine Schmierereien die Hauswände und man tritt nicht in Hundekot. Das liegt daran, dass Haustiere verboten und Grünflächen mit Hinweisschildern versehen sind, bei deren Nichtbeachtung Briefe von der Hausverwaltung den Ernst der Lage deutlich machen. Auf jedem Rasen stehen zwei: Eines zeigt einen Hund. Das zweite zeigt spielende Kinder. Darunter steht „Das ist hier nicht erwünscht!“ Unser Rasen gedeiht deshalb in saftigem Grün, was die Gegend noch freundlicher macht. Damit sie sauber bleibt, achtet ein qualifizierter Hausmeister darauf, dass jede Mietpartei einmal pro Woche die Hausordnung erledigt, also fegt und feucht wischt. Und weil es nicht nur oberflächlich rein sein soll, legt er auf manche Treppenstufen einen Faden, der nach ordentlicher Reinigung weg sein sollte. Was die soziale Hygiene anbelangt, arbeitet er eng mit den Mietern zusammen, die schonmal notieren, wer wann nach Hause kommt und wen er mit in die Wohnung bringt. Für seinen Einsatz hat der Wart als einziger im Block ein Blumenbeet bekommen, was ansehnlich ist, denn jedes Haus ist gleich gebaut mit zweimal vier Reihen gleicher Balkone. Vor dem des Hausmeisters wachsen rote Geranien, beschützt von einem possierlichen Gartenzwerg. Generell ist es uns aber wichtig, dass niemand etwas Besseres ist. In unserer Beamtensiedlung verdient jeder ehrlich sein Geld und Snobs oder Neureiche sieht man nicht gern.

 Durch das Entfernen einiger ungebührlich großgewachsener Fichten ist die Siedlung baumfrei, hell und frei von unschönen, nadelbaumtypischen Nadeln. Auch die Gefahr, die durch unbefugtes Besteigen der Bäume durch Kinder bestand ist beseitigt und ihre Eltern können sie beruhigt Spielen schicken. Es ist ein unglücklicher Umstand, dass die Spielplätze entfernt werden mussten, um Parkplätze zu gewinnen. Aber die Stellplatzsuche nach Feierabend war unangenehm und die Gegend bietet auch so genug Abwechslung. Das weltbekannte Reichsparteitaggelände ist nur fünf Minuten entfernt. Am weitläufigen Dutzendteich gelegen wird das von Albert Speer entworfene Gebäude sportlich genutzt und man spielt Squash gegen die dicken Mauern. Dreimal im Jahr findet an der NSDAP-Kongresshalle das große Volksfest mit einer tollen Geisterbahn statt und gegen Hunger gibt es den Burger King im Luftschutzbunker. Unser eigentlicher Stolz ist aber die Bundesagentur für Arbeit. Stolz und stark erhebt sich das imposante, kubische Gebäude wie ein Schiff in ehrlichem Grau-Weiß aus dem Viertel. Von jedem Fenster, von jedem Balkon und jedem Rasen aus sieht man den Ozean-Riesen der Beschäftigung, der das Gesindel und die Taugenichtse aus den Glasscherbenvierteln mahnt: Bleibt, wo ihr hingehört! Und das ist garantiert nicht hier.

 In diesem Sinne verbleibt mit freundlich fränkischem Gruß

 Maja Hoock

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