Dreiklang des Frankfurter Bling

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Schwesta Ewa ist die Personifikation eines Rap-Textes, denn sie lebt, worüber Rapper meist nur phantasieren: Den Dreiklang aus Sex, Drogen und Geld. Zugleich ist sie die Stimme der Prostituierten Deutschlands. Gerade kommt ihr neues Album raus. Grund Genug, sie quer durch das Frankfurter Rotlicht-Viertel zu begleiten, wo sie lange selbst anschaffen war.

Ewa fährt vor. Die Frau, die noch nicht mal 30 Jahre alt ist und schon zehn Jahre Prostituierte war, steigt im Bahnhofsviertel aus ihrem weißen Mercedes Cabrio. Sie trägt eine kurze schwarze Lackjacke und passende Armani-Stilettos mit 20-Zentimeter-Absätzen aus Stahl. Hinter ihr gehen ihr Manager, ein muskulöser Mann mit sehr kurzen Haaren, und ihre beste Freundin, die passend in Schwarz angezogen ist und heute als Assistentin den Wagen fährt. Als sie in eine Raucherbar neben dem Roten Haus treten, drehen sich die Gäste um. Jeder kennt Ewa Müller, die alle Ewa nennen: die Frauen, ihre Freier und die dealenden Kellner, die so tun, als würden sie nur Tee verkaufen. Nicht nur, weil sie in so ziemlich jedem Puff des Frankfurter Rotlichtbezirks gearbeitet hat, sondern weil sie vor zwei Jahren ausgestiegen ist und seitdem als Schwesta Ewa darüber rappt. Sie ist damit nicht nur eine Frau, die sich in der testosteronlastigen Deutschrap-Szene durchgesetzt hat, sondern auch die Personifikation ihrer Texte: Während Männer über Geld und Nutten rappen, ist Ewa eine Ex-Nutte mit mehr Geld, als sie wohl alle zusammen haben.

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„Ich versuch mich zu legalisieren, indem ich rappe, wie illegal wir sind. Kurwa, mein BH ist aus Kevlar, so prallt euer Hass ab an der Schwesta.“ (Realität)

Ewa sitzt an dem klebrigen Tisch der Bar im Rotlichtviertel, ein Mann in Jogginghose steht am Spielautomaten, man trinkt Pfefferminztee und raucht. Sie bestellt nur Wasser. Dass sie im Frankfurter Bahnhofsviertel gelandet ist, ist Ergebnis eines milieutypischen Lebenslaufes: Als sie drei Jahre alt war und mit ihrer Mutter von Polen nach Deutschland kam, saß ihr Vater wegen Mordes im Gefängnis. Die Mutter arbeitet in Kiel als Putzfrau, ihr zweiter Mann Günther Müller starb. Es blieben drei Kinder und zu wenig Geld. „Ich bin mit fünf Jahren schon klauen gegangen. Käse und Wurst. Und in die Altkleidercontainer geklettert, um Klamotten rauszuholen“, sagt Ewa Müller.Als sie den Barkeeper ruft, rutscht ihr Ärmel hoch und gibt den Blick auf eine 23.000-Euro-Rolex frei. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Rappern, die von Geld singen, aber im wahren Leben im Callcenter arbeiten, ist diese Frau wirklich reich. Nicht, weil sie wie ihr Produzent Xatar einen Goldtransporter überfallen, sondern weil sie ihren Körper verkauft hat. Mit sechzehn Jahren ging sie von der Schule ab.

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Sie jobbte in einer Bar, in der Prostituierte sich mit Freiern trafen, und sah, dass sie das Zehnfache dessen verdienten, was Ewa machte. Mit 19 ging sie nach Frankfurt, schaffte an in Hotels, Bordellen und auf dem Straßenstrich, verdiente auf diese Weise zwischen 600 und 1.000 Euro am Tag, 20.000 Euro im Monat – auf Reisen nach Monaco und Norwegen sogar das Dreifache. Ewa investierte in 200 Paar Schuhe, Autos, Louis Vuitton. Statussymbole sind ihr wichtig, wie vielen Menschen, die einmal überhaupt nichts hatten. Doch ihr Lieblingskleid hat sie von ihrer Mutter aus einem Secondhand-Laden bekommen. „Ich habe es noch nie getragen, weil es total altmodisch aussieht“, sagt sie. „Meine Mutter wollte, dass ich es anziehe, wenn ich seriös geworden bin. Irgendwann werde ich sie damit überraschen.“ Wir brechen auf. Ewa bezahlt für alle, dann geht es weiter in Richtung Shisha-Bar. Auf dem Weg zu den Autos kommt die Gruppe an einer heroinabhängigen Frau vorbei, deren Finger zu geschwollen sind, um ihren Zigarettenstummel vom Boden aufzuheben. Ein Mann schreit: „Glotzt nicht so!“ Ein anderer trägt einen Schnuller im Mund und ist verdammt dreckig. Frankfurt ist gebaut aus Heroin, Sex und Geld. Und das Bahnhofsviertel ist die Quittung dafür.

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„Krank oder? Sag mal! Das ist der Frankfurter Alltag! Tägliche Schellen des Schicksals.Schwester bitte, geh du den geraden Weg, du weißt doch, ich kann das nicht! Schmerz in meiner Brust sticht, weil’s ohne Rotlicht, für Frauen wie mich kein Brot gibt!“ (Realität)

Besuch im Bordell, in dem Ewa gearbeitet hat. In einem gekachelten Durchgangszimmer läuft ein Fernseher. An der Wand hängen ein Brett mit Schlüsseln und eines mit Lämpchen, die blinken, wenn eine Frau auf ihrem Zimmer den Alarm auslöst. Am Wochenende passiert das etwa drei Mal am Tag. Um den Wirtschaftsraum herum gibt es Schaufenster, in denen die Frauen auf Barhockern sitzen und Sudoku spielen, während sie auf Kundschaft warten. Es ist früher Freitagabend und eine Gruppe junger Türken steht kichernd davor. Sie wollen ein Autogramm von Schwesta Ewa. Ein älterer Mann in schwarzem Trenchcoat und Hut steht im schützenden Hauseingang unter der Neon-beleuchtung. Dahinter führt eine breite Steintreppe im dunklen Aufgang zum Obergeschoss mit den vielen Zimmern, in die sich die Frauen einmieten. Diese Räume sind zum Teil gekachelt, auf den Betten liegen Handtücher. Andere wurden dekoriert und sind seit Jahren in Betrieb. Die älteste Frau ist über 80 und immer ausgebucht, ihr Zimmer sieht aus wie Omas Wohnstube.

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„Scheiße, ich brauch Geld zum Überleben
Also hör auf mit mir über Leben zu reden.“ (Schwätza)

Schließlich landen wir in der angrenzenden Bar im Erdgeschoss, wo die Wirtin stumm Sekt in geeiste Gläser gießt. Das Interieur besteht aus Spiegeln, Eiche rustikal und einer Deutschlandflagge. Ewa gibt Zigaretten aus, bis die Schachtel leer ist.Wenn sie nicht diesen verlebten Ausdruck hätte, würde man sie einfach für eine junge Frau halten, die gerne feiert. Doch da ist ihr „Puffschaden“. Einmal hat ihr ein Kunde den Lauf einer Pistole in den Mund gesteckt. Ein anderes Mal schlug ihr ein Freier ihre Waage über den Kopf. „Ich dachte, das hast du jetzt davon, dass du immer mehr Schuhe wolltest – jetzt musst du sterben“, sagt sie. Sie hat einen psychischen Knacks davongetragen. Das heißt unter anderem, dass sie Männer verachtet, selbst wenn sie ihr nur die Türe aufhalten. „Sie sind mit Ring am Finger zu mir auf den Straßenstrich gekommen und haben noch gesagt, ich soll den Kindersitz von der Rückbank nehmen. Oder ich habe einen NPD-Politiker getroffen, der bei einer schwarzen Frau ein- und ausging. Die Banker kamen in der Pause in den Puff, um ein paar Lines Koks zu nehmen. Ich hasse sie alle.“ Sie will darum nie wieder in die Prostitution zurück und hat an dem Tag damit aufgehört, als sie mit der Musik erfolgreich wurde.

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„Ou, Schwesters Piepshow. Alle meine Nutten hebt die Gläser hoch – oou, Schwester spuckt Flow
Alle Pessos Messer in die Luft!“ (Halt die Fresse)

Die Klickzahlen für ihr erstes Video Schwätza lagen schnell bei fünfeinhalb Millionen; ihr Publikum zieht sich quer durch alle Gesellschaftsschichten, von Akademikern, die sich durch das Ungeschliffene befreit fühlen, bis zu Prostituierten, die ihre Texte auswendig lernen.Jetzt ist es an der Zeit, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten. „Ich werde bald ein Buch schreiben. Das wird meine Therapie.“ Sie positioniert sich damit selbstbewusst in einer Szene, in der das Wort Nutte ein ständig gebrauchtes Schimpfwort ist. Ihre Botschaft: Frauen müssen sich nicht schämen, wenn sie ein uraltes Bedürfnis der Männer bedienen. Und schon gar nicht beschimpfen lassen.Auf die Frage, was für sie eine schöne Frau ist, antwortet sie: „Eine, die weiß, was abgeht und sich nicht über einen Mann identifiziert, sondern ihre Energie in das steckt, was sie will. So viele Mädels nehmen sich einfach einen reichen Mann. Aber es war nie mein Ding.“ Als wir die Bar verlassen, zieht Ewa im Kofferraum ihres Cabrios die High Heels aus. In Turnschuhen und Jogginghose auf dem Spielplatz ihres Viertels fühlt sie sich am wohlsten.

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Info: Ewa Müller Ewa Müller wurde 1984 im polnischen Koszalin geboren und wuchs in Kiel auf. 2004 zog sie nach Frankfurt am Main, um als Prostituierte zu arbeiten. 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Album „Realität“. Ab 09.01.2015 ist ihr zweites Album Kurwa erhältlich, von dem auch der Song „Schwesta Schwesta“ stammt.

Beitrag: Maja Hoock

Fotos: Denis Ignatov

Der Text erschien im Fräulein-Magazin Nr. 14.

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