Die Welt kann mich mal; ich hab’ ne Insel (Essay)

Ich habe mir gestern Nacht eine Insel gekauft. Bei PrivateIslands.com, für fünf Millionen Euro, in der REM-Phase. Sie lag bei Sizilien und als ich aufwachte, war sie nicht mehr da. Es gab dort keine Politik, keinen Kapitalismus, keine Media-Markt-Werbung und keine Fahrgäste, die mir in der U-Bahn Chips ins Ohr schmatzen. Allen Menschen, die Uli Hoeneß für einen Helden halten oder die Tagesschau für gute Nachrichten, wird der Fuß von einem Schwarm Piranhas abgekaut, bevor sie ihn an Land setzen können. Und weil an solchen Traumgebilden alles perfekt ist, ragen sie so so selbstbewusst aus dem Wasser wie Elfenbeinbusen sich vom Leib schöner Frauen erheben.

Den Traum von der Insel gibt es heute noch, also lange nach der Ära hauptberuflicher Schatzsucher, weil sich Menschen in Großstädten auf die Nerven gehen. Da scheinen sie als Orte, an denen man weit schauen kann, auf keine Hauswand glotzen muss und für sich sein kann; als isolierte Monolithen inmitten von allem, was wir an der Zivilisation ab und zu nicht mehr aushalten. So kommt der latent rückwärts-gewandte Inseltraum vom menschlichen Konflikt zwischen Hochkultur und dem Affen in uns. Robinson wurde nicht zufällig zu Zeiten der Aufklärung schiffbrüchig. Er landete als Gegenpol der immer rationaler werdenden Welt auf einer Insel, die noch nicht mit Vernunft in Berührung gekommen ist. Sein einziger Freund Freitag war ein Wilder und damit das unvernünftige Spiegelbild des Angespülten. Mit dem Stranden, das als Motiv in Literatur und Kino von Crusoe über Gilligan’s Island und Lost reicht, erlangen wir wieder Zugang zur Natur.

Auf Inseln dürfen Gemeinschaften nach eigenen Regeln leben, rosa Pferde anbeten und anarchistisch gefärbten Marxismus mit polyamourösen Zügen erproben. Die abstrakte Idee der perfekten Lebensweise wird in Form von Inseln zu sandiger Materie. Thomas Morus schrieb schon vor 500 Jahren von dem abgeschnittenen Ort „Utopia“, wo es weder Armut noch Neid gibt. Im 18. Jahrhundert sprach man viel von der sagenhaften Liebesinsel der Aphrodite namens Kythera, wo es nur Schönes und Gutes gibt. Bei Michel Houellebecq treibt die Möglichkeit einer Insel, auf der ein anderes Leben möglich ist, die Figuren an, weiterzuleben – die Aussicht auf ein besseres Leben wird zum Daseinsgrund. Lamu ist so ein manifestierter Inseltraum. Auf der zehn mal sechs Kilometer großen Sandinsel vor Kenia leben seit Generationen Schriftsteller weit weg von Beton und Grau. Hemingway hat auf Lamu geschrieben, Prinzessin Soraya von Persien suchte Ruhe und eine Schar Hippies die Freiheit. Sie wussten: Durch die Isolation kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Geschmack einer am Lagerfeuer gebratenen Dorade. Regisseurin Frauke Finsterwalder ist dort hingezogen, weil es keine Autos gibt und ihr Mann Christian Kracht, weil er auf Eseln reiten kann. Sicher dachte er beim Schreiben seines Kolonialisten-Romans „Imperium“ an das blaue Wasser mit den Hummern, die Mango-Palmen und die mittelalterliche Stadt. „Lamu darf nicht verschwendet werden“, schrieb Hemingway, denn er wusste, dass man Inseln verteidigen muss. Sonst entwickeln sie einen Ballermann.

Vielleicht reicht es schon, sich ab und zu seine Insel in der Stadt zu schaffen, in Form von Cafés, in denen man Ruhe hat. Auch die eigene Wohnung kann einen retten, wenn man den Tag in der Stadt getrieben ist. Und dann gibt es noch Menschen, die Inseln sind, wenn sie aus der Masse, die einen nicht kümmert, herausragen wie unser ganz persönliches, psychologisch warmes Lamu. Natürlich wissen wir, dass man sich nicht zu tief in die Idee des perfekten Ortes flüchten darf, denn Atlantis, die ideale Insel, ist bekanntlich untergegangen. Doch auf die Möglichkeit einer Insel will ich nicht verzichten. Sie ist mein Rettungsboot, auf dem ich aufrecht treibend der Welt den Stinkefinger zeigen kann.

(Erschienen bei Fräulein)

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